
© Urheberrechtlich geschütztDas Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Tiergarten steht im Fokus der vom Bund finanzierten Bilderstürmer: links eine Grafik von EVZ Young, rechts Feierlichkeiten am Tag des Sieges über Nazideutschland.
Von Astrid Sigena und Wladislaw Sankin
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Bundfinanzierte Stiftung EVZ stellt Sowjetehrenmale als leblose Orte dar und befleckt sie mit "Bluttropfen". In Wirklichkeit sind diese Orte an Feiertagen blumengesäumte Pilgerstätten für alle, die den Sieg über Nazismus/Faschismus feiern. #BuReg will das nicht mehr sehen.Warum?! pic.twitter.com/5prj3u3Dup
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Auf einer interaktiven Karte kann sich der Leser näher über die drei Ehrenmale informieren. Hier wird der monumentale Charakter der Anlagen betont und die fortdauernde Existenz von Stalin-Zitaten in Treptow und der Schönholzer Heide infrage gestellt. Erwähnt wird ebenfalls, dass an allen drei Monumenten gefallene oder kriegsgefangene Rotarmisten begraben liegen. Im Falle des Ehrenmals im Treptower Park fehlt auch der Hinweis nicht, dass das Ehrenmal von Deutschland und der Stadt Berlin bezahlt werde.
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Abgesehen von der Bemerkung, dass die Ehrenmale die Niederlage Nazideutschlands und den Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg symbolisieren, fehlt jede weitere rechtliche oder historische Einordnung. Stattdessen folgt der Hinweis auf den sogenannten «russischen Angriffskrieg auf die Ukraine» und die Zeitenwende. Mehr und mehr würden «russische Einflussnarrative» hinterfragt, «die sich auf die einzigartige Rolle Russlands im 2. Weltkrieg und die Manipulation rund um diese Gedenkorte» stützten. Die monumentalen Skulpturen der Ehrenmale würden «dem Massenmörder Stalin huldigen» und dessen millionenfache Opfer «unterbelichten», so der Vorwurf.
"Sie lassen uns nicht einschüchtern" — Deutscher Antifaschist Thomas Geggel wird emotional wenn es um Verboten und Einschränkungen an Gedenktagen 8. und 9. Mai geht. pic.twitter.com/LWjkG36PJ1
— Wlad Sankin (@wladsan) May 23, 2026
Die Abstimmung selbst bietet dann drei Antwortmöglichkeiten: erstens «Entfernen. Erhalten – wird aus dem öffentlichen Raum entfernt», zweitens «Beibehalten. Erhalten – bleibt unverändert bestehen» und drittens die Möglichkeit, eine eigene Lösungsvariante anzugeben.
Unter der Abstimmung folgen vier «Expertenmeinungen» zur Entscheidungshilfe. Irina Schulikina von Vitsche e. V. macht den Anfang: «Aus Sicht von Vitsche e. V. feiern sowjetische Ehrenmale vor allem die Macht des Sowjetstaates. Sie reproduzieren die Erzählung eines Kampfes für die eigene ‘Befreiung’, nicht für eine Welt ohne Nationalsozialismus.»
Ein merkwürdiges Argument von einer in Deutschland lebenden Ukrainerin. Ausgerechnet ihr Land stimmt jährlich bei der UNO gegen die Resolution zur «Bekämpfung der Verherrlichung des Nazismus». Auch Deutschland sowie andere NATO- und EU-Staaten stimmen dagegen. Eingebracht wird diese Resolution ausgerechnet von Russland, während die Mehrheit der Länder der Welt ihr zustimmt. Die Sorge um eine «Welt ohne Nationalsozialismus» erscheint daher wenig glaubwürdig und dürfte wohl vor allem bei einer noch nicht mit viel Wissen und Lebenserfahrung ausgestatteten EVZ Young-Zielgruppe verfangen.
Die Vitsche-Propagandistin erklärt weiter auf der bundeseigenen Plattform: «Kein Raum wird denen gegeben, die in Massenangriffen geopfert wurden, zerstörten Städten, Hunger, sowjetischen Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung. Die Monumente instrumentalisieren Soldaten auch noch nach ihrem Tod – durch überlebensgroße Statuen, vergoldete Stalin-Zitate und eine Geschichtserzählung, die 1939 und die Zusammenarbeit der UdSSR mit NS-Deutschland ausblendet.»
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Auffällig ist dabei, dass die Vitsche-Vertreterin nicht von nazistischen Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung spricht, sondern von sowjetischen, und den Urhebern dieser Ehrenmale 80 Jahre nach deren Errichtung in besserwisserischer Manier diktiert, was diese symbolisieren sollen. Die direkt vom Bund finanzierte Stiftung macht sich damit mit dieser radikalen Form des Geschichtsrevisionismus «made in Kiew» gemein.
Der brandenburgische Landeskonservator Thomas Drachenberg ist gegen einen Abriss der Ehrenmale, aber nicht etwa, weil er sie als Mahnmale wertschätzt, sondern weil er Mythenbildung verhindern will – und Mythen seien Gift für die Demokratie. Er zieht einen Vergleich zur Berliner Mauer, deren Reste aufbewahrt würden, «um am Original zu zeigen, wie perfide das Regime war». Wer in diesem Vergleich als perfide dargestellt werden soll – die Naziherrschaft oder der Stalinismus –, bleibt unklar.
Und die Berliner Kuratorin und Autorin Bettina Klein plädiert für eine künstlerische Umgestaltung der Ehrenmale: «Temporäre künstlerische Interventionen, kombiniert mit einem diskursiven Begleitprogramm, könnten eine kritische Auseinandersetzung mit dem politischen und ästhetischen Erbe der sowjetischen Ehrenmale befördern. Diese materialisierten Machtdemonstrationen eines totalitären Regimes im Berliner Stadtraum benötigen dringend eine Aktualisierung – sowohl im Hinblick auf die historischen Fakten als auch beim Finden einer zeitgenössischen Antwort auf die Überwältigungsästhetik der Stalinzeit.»
Das Pilecki-Institut meldet sich in der Person des Totalitarismusforschers Bartłomiej Kapica schließlich ebenfalls zu Wort. Er nennt sowjetische Traditionen «verbrecherisch». Mit der angeblich aggressiven militärischen Symbolik auf «diesen Denkmälern» macht er kurzen Prozess: Sie sollen verschwinden.
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In manchen Fällen ist es allein schon niederträchtig, die Existenz bestimmter Gedenkorte zur Disposition zu stellen. Die sowjetischen Ehrenmale – nicht nur, aber besonders in Berlin – sind ein solcher Fall. Hier wird mittels einer scheinobjektiven Abstimmung ein Ostrakismus (Scherbengericht) gegenüber dem Fortbestand jener Denkmäler betrieben, die dem Sieg über den Nationalsozialismus gewidmet sind.
Damit steht nicht nur die Erinnerung daran, sondern auch der Sieg selbst wieder infrage. In der Epoche von «Zeitenwende» und «Kriegstüchtigkeit», in der die Abgeordneten im Reichstag womöglich bald über ein kriegerisches Vorgehen gegen Russland abstimmen müssen, stört der Blick auf den wachenden Bronze-Rotarmisten im nahen Tiergarten. Es stört die Erinnerung an die heldenhafte Mitmenschlichkeit eines Nikolai Massalow, an den die Skulptur im Treptower Park erinnert. Es stört der Anblick der trauernden «Mutter Heimat» in Treptow und Pankow, die das Leid verkörpert, das Deutsche im Rassenwahn über die Sowjetmenschen gebracht haben. Die EVZ-Abstimmung zielt darauf ab, unbequeme Mahner aus dem Stadtbild zu verdrängen.
Dass dabei die Stimmen teilweise aus eigener Tasche finanzierter osteuropäischer Propagandisten als ernstzunehmende Meinungen instrumentalisiert werden, liegt auf der Hand. Das ist nichts anderes als ein durchschaubares «good cop-bad cop»-Spiel zur Durchsetzung eigener Ziele. Und diese liegen kaum noch verborgen in der Umdeutung der Geschichte, wie die jüngsten Äußerungen hochrangiger Berliner Beamter offenbaren – hier und hier. Das Verbot sowjetischer Symbole am Tag des Sieges und die immer aggressiver geführte Umwidmungsdebatte sind nur die ersten deutschen, nicht ukrainischen oder polnischen, Schritte in diese Richtung.




