
Quelle: RT KI-generiertes Bild
Von Fjodor Lukjanow
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In diese Darstellung passt auch das Narrativ der ehemaligen kommunistischen Länder, wonach sie unter «zwei Totalitarismen» gelitten hätten. Ein weiterer Faktor, der diese Neubewertung untermauert, ist die Politik Israels. Die Zunahme antiisraelischer Stimmungen untergräbt eine tragende Säule der kanonischen Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs als europäische – die Erinnerung an den Holocaust und die kollektive Verantwortung dafür.
Für den Großteil der Weltbevölkerung außerhalb der westlichen Einflusssphäre hatten die Weltkriege andere Folgen. Sie führten zum Zerfall des Kolonialsystems, zur Entstehung zahlreicher neuer Staaten und zu deren allmählich wachsendem Einfluss auf internationale Prozesse. Die moralisch-ideologische Spannung, die die Konfrontation in Europa – genauer gesagt im nördlichen Teil der nördlichen Hemisphäre – bestimmte, berührt die ehemalige «Dritte Welt» kaum. Selbst das Vorgehen der Japaner, die in der von ihnen proklamierten «Großostasiatischen Wohlstandssphäre» (Ost- und Südostasien) eine äußerst düstere Erinnerung hinterließen, nahm als Nebenwirkung den Zerfall der dortigen westlichen Kolonialsysteme vorweg.
Es wird immer schwieriger, das Thema Krieg auf der internationalen Bühne zu thematisieren. Was den Westen betrifft, so scheint ein Einvernehmen wohl kaum noch erreichbar zu sein. Im Hinblick auf die Weltmehrheit muss der Kontext jedoch ein anderer sein: Der Zweite Weltkrieg stellt ein Beispiel für den unumkehrbaren moralisch-politischen Bankrott Europas und den Verlust seiner langjährigen Vorherrschaft dar.
In Russland werden der Große Vaterländische Krieg und die Rolle unseres Landes im Zweiten Weltkrieg weiterhin zu den Grundlagen der Identität gehören, die für das Selbstverständnis und die Wahrnehmung der Welt von grundlegender Bedeutung sind. Mit dem Zerfall des früheren – auf den Ergebnissen des Zweiten Weltkriegs basierenden – Systems verändert sich auch die Funktion dieser Ergebnisse selbst. Sie dienen nicht mehr dem internationalen Zusammenleben, sondern dem Selbstverständnis – um an der Gestaltung der nächsten Weltordnung in dem Bewusstsein mitzuwirken, im Recht zu sein, und nicht aus der Position heraus, jemandem etwas beweisen zu müssen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 9. Mai 2026 zuerst auf der Homepage von «Russia in Global Affairs» erschienen.
Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur von «Russia in Global Affairs», Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik und Forschungsdirektor des Internationalen Diskussionsklubs «Waldai».




